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Technologiekommunikation und Algenbiotechnologie – Argument Klimaschutz nützt nichts PDF Drucken
ZW/Blog
Geschrieben von Chrib   
Mittwoch, 20. Juni 2012

Rauchgas aus Kraftwerken zur Algenzucht – mit diesem Ansatz experimentieren Energieunternehmen und Biotechfirmen schon seit Jahren. Nun gibt es ein weiteres Projekt, wie Timo Enderle auf algaeobserver.com berichtet. Doch die Argumentation der Unternehmen läuft in die falsche Richtung.

Algen lieben Kohlendioxid. Das klimabelastende Gas ist für sie lebenswichtig. Algen nehmen Kohlendioxid auf und bauen daraus Biomasse und zum Teil recht komplexe Biomoleküle auf. Wegen ihres Hungers nach Kohlendioxid machen manche Unternehmen Algen zu den neuen Hoffnungsträgern der Menschheit. Algen sollen das Klima retten.

Auch die FIM Biotech GmbH trötet neuerdings in dieses Horn. Am Braunkohlekraftwerk Senftenberg hat das Biotechunternehmen aus Berlin gemeinsam mit mit der GMB GmbH, ein Tochterunternehmen der Vattenfall Europe Mining AG, „ein kostengünstiges und effizientes Verfahren entwickelt, durch den Einsatz von CO2-haltigen Abgasen aus konventionellen Kraftwerken eine proteinreiche Biomasse herzustellen, die als Futtermittelstoff geeignet ist“, wie es in einer Pressemitteilung von FIM Biotech heißt. FIM Biotech betont insbesondere den Klimaschutzaspekt seiner Technologie. Zitat von Dr. Michael Strzodka, Leiter des GMB-Mikroalgenprojektes in Senftenberg: „Die internationale Klimaforschung belegt, dass eine rasche Reduktion der CO2-Emissionen notwendig ist, um die prognostizierte Erderwärmung zu begrenzen. Dass Mikroalgen dazu einen wesentlichen Beitrag leisten können, haben wir mit unseren Forschungsanlagen in Senftenberg nachgewiesen.“

Der erste Haken: der Flächenbedarf

Das Beispiel zeigt, dass die Technologiekommunikation in der Algenbiotechnologie in die falsche Richtung läuft. Das Klimaschutzargument, das die Algenbiotechnologen anführen, kann die Überzeugungslast, die ihm aufgebürdet wird, nicht tragen. Es ist zu schwach und verliert bereits beim ersten kritischen Hinschauen seinen Halt. Tatsache ist: mit der Algenbiotechnologie wird keineswegs ein „wesentlicher Beitrag zum Klimaschutz“ geleistet. Die Rechnung hierzu ist seit langem bekannt. Um mit Algen einen nennenswerten, also klimaschutzrelevanten Anteil des Kohlendioxids aus einem Kohlekraftwerk aufzufangen, sind viele Quadratkilometer Reaktorfläche erforderlich. Photobioreaktoren so weit das Auge reicht – und noch ein Stückchen weiter. Es ist absurd zu glauben, dass die Algenbiotechnologie Stand heute zu einer maßgeblichen, klimaschutzwirksamen CO2-Senke führen wird. Das sollten die Kommunikationsabteilungen endlich einsehen und ihre Argumentationsstrategie überdenken.

Der zweite Haken: ein Nachhaltigkeitskiller als Anwendungsbeseispiel

Im genannten Beispiel krankt die Argumentation aber noch an anderer Stelle. Aus der Algenbiomasse wir Fischfutter für Aquakulturen gemacht. Ausgerechnet Aquakulturen! Die werden insbesondere deshalb immer wichtiger, weil die Fischfangflotten der Welt die Fischbestände derart reduziert haben, dass man nun auf Zuchtstationen im Meer umsteigen muss. Mit negativen ökologischen Folgen.

Es wird also auf der einen Seite eine Technologie entwickelt, mit der Kohlendioxid in Fischfutter umgesetzt wird. Damit wird anschließend ein Verfahren unterstützt, das nur deshalb notwendig ist, weil die Fischerei-Industrie sich nicht um Nachhaltigkeit schert. Verkauft wird uns das als Klimaschutzprogramm.

Die Alternative: das Thema „neue Rohstoffe“

Wäre es nicht besser, sich in der Technologiekommunikation zur Algenbiotechnologie mehr dem Thema „Rohstoffe“ zuzuwenden? Aus dem Abfallstoff Kohlendioxid wird ein Wertstoff, weil Algenbiotechnologie das erforderliche Transformationsverfahren liefert. Algenbiomasse oder Makromoleküle aus Algen als Produkte – Verfahren, die vielleicht noch ihrer Zeit voraus sind, die aber Teil von einschneidenden, richtungsweisenden Veränderungen sein werden, die politisch gewollt sind.

Algenbiotechnologie als Beitrag zur Ressourceneffizienz, zur Bioökonomie, zum Umdenken in der Rohstoff- und Wertstoffwirtschaft – das sind die Themen, die es zu kommunizieren gilt. Dort liegen die Chancen, die Potenziale der Algenbiotechnologie, das sind die starken Argumente, die tragen. Wer hingegen versucht, die Algenbiotechnologe als ein effizientes Klimaschutzkonzept darzustellen, leistet ihr einen Bärendienst.

chrib

Link zur Mitteilung auf algaeobserver.com: Rauchgas-CO2 lässt proteinreiches Tierfutter wachsen  

 
 
 
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