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Mobilfunk und Umwelt - ein Thema für die Wissenschaftskommunikation PDF Drucken
Geschrieben von Chrib   
Montag, 15. September 2008

In der Forschung zu Umweltwirkungen elektromagnetischer Felder geht es offenbar nicht immer mit rechten Dingen zu. In jüngster Zeit wurden gleich zwei Studien, beide aus Österreich, bekannt, die elektromagnetischen Feldern von Mobilfunkanlagen oder –telefonen eine gesundheitsschädliche Wirkung zuschreiben. Die Studien stellten sich im einen Fall als gefälscht, im anderen als zumindest fehlerhaft heraus. Da erscheint es mehr als passend, dass das Thema Mobilfunk und Umwelt beim Fachkongress „Wissenswerte 2008“ im November auf die Tagesordnung gehievt wurde. Schließlich geht es um Glaubwürdigkeit in der Wissenschaftskommunikation.

Dr. Gerd Oberfeld, Umweltmediziner der Salzburger Landessanitätsdirektion und Referent für Umweltmedizin der österreichischen Ärztekammer, und Prof. Dr. Hugo Rüdiger, emeritierter Arbeitsmediziner der Medizinischen Universität Wien, haben der Mobilfunkforschung im Jahr 2008 einige Aufruhr beschert. Zumindest in einer von zwei publizierten Studien soll eine ehemalige Mitarbeiterin von Rüdiger Daten erfunden haben, die im Rahmen der internationalen REFLEX-Studie veröffentlicht wurden. Aufgrund dieser Daten lag die Schlussfolgerung nahe, dass elektromagnetische Felder, wie sie im Mobilfunk eingesetzt werden, das Erbgut schädigen und somit Krebs auslösen könnten. Doch dieses Resultat entpuppte sich, wie der SPIEGEL in der Ausgabe 35/2008 berichtete, als handfester Wissenschaftsbetrug.

Mängel in Design und Auswertung: die Oberfeld-Studie

Kein Betrug, aber zumindest einen sehr zweifelhaften Umgang mit wissenschaftlicher Statistik und experimentellem Design werfen Kritiker Dr. Gerd Oberfeld aus Salzburg vor. Oberfelds Studie vom 20. Januar 2008 hatte ergeben, dass sich in den Gemeinden Hausmannstätten und Vasoldsberg in der Nähe von Graz die Tumorhäufigkeit aufgrund des Betriebs eines C-Netz-Senders erhöht hätte. Oberfeld verglich die Häufigkeit verschiedener Krebserkrankungen in einer Nahzone (bis 200 Meter Abstand vom Sender) mit der Häufigkeit in einer Fernzone (201 bis 1200 Meter Abstand vom Sender). Sein Fazit:

„Die Distanzauswertung zeigte unter der gewählten zeitlichen Eingrenzung für den Bereich 0-200 m um den Sender gegenüber dem Bereich 201-1200 m in allen drei Stichproben ein signifikant erhöhtes Krebsrisiko und damit eine eindeutige örtliche Häufung. Die Häufung zeigte sich insbesondere für Brust- und Hirntumoren.“

Experten stellen das Resultat in Frage – nicht zuletzt aufgrund statistischer Mängel und Fehler in der experimentellen Strategie. Brisantes Detail: Die fragliche Antenne war zwischen 1984 und 1994 gar nicht in Betrieb. Lediglich 1994 war für sechs Monate ein D-Netz-Sender aktiv. Oberfelds Erhebungszeitraum reichte von 1989 bis 2002. Im Juni dieses Jahres klagte mobilcom austria gegen die Studie Oberfelds.

Parallelen zur Naila-Studie

Bereits im Jahr 2004 veröffentlichte der Arzt Horst Eger mit einigen Mitstreitern eine Studie, die als „Naila-Studie“ bekannt wurde und vergleichbare Resultat wie die Oberfeld-Studie erbrachte. Sie war ganz ähnlich angelegt wie Oberfelds Untersuchung. Der Sender war bei der Naila-Studie zwar in Betrieb, die Ergebnisse erwiesen sich dennoch als nicht haltbar. Auch bei Egers Studie waren letztlich methodische und statistische Mängel ausschlaggebend für die vernichtenden Urteile der Fachwelt.

Herausforderung für Wissenschaftskommunikation

Egal, wie man zur mobilen Kommunikation steht: Wissenschaftler, die mit halbherzig geplanten und unzureichend ausgewerteten Studien oder gar gefälschten Ergebnissen hausieren gehen, machen nicht nur ihren Berufsstand unglaubwürdig, sondern lösen leichtfertig Verunsicherung und Angst bei den Bürgern aus. Wissenschaftsjournalisten müssen also aufpassen, dass sie nicht vermeintlich soliden Daten auf den Leim gehen. Das Thema „Elektromagnetische Felder und Umwelt“ ist sehr komplex und hat seine Heimat auf einem weiten Feld zwischen Elektro- und Nachrichtentechnik, Epidemiologie, Medizin und Biologie. Dass der Fachkongress Wissenswerte der Frage „Kann Mobilfunk die Gesundheit gefährden?“ dieses Jahr einen Workshop widmet, ist sehr zu begrüßen. Es besteht Gesprächsbedarf.

chrib  

Links:

REFLEX-Studie:
Rückruf der Studie von Prof. Rüdiger, Pressemeldung der Medizinischen Universität Wien
Beitrag in Spiegel-online: "Die Favoritin des Professors " von Manfred Dworschak

Oberfeld-Studie:
Kritische Betrachtung: „Die Oberfeldstudie – methodische Anmerkungen zu einer umstrittenen Publikation “; von Hagen Scherb; in Newsletter 2/2008 der Forschungsgemeinschaft Funk e.V.

Naila-Studie:
Studie zum Download: „Einfluss der räumlichen Nähe von Mobilfunksendeanlagen auf die Krebsinzidenz “; von Horst Eger, Klaus Uwe Hagen, Birgitt Lucas, Peter Vogel, Helmut Voit; in Umwelt-Medizin-Gesellschaft 4/2004
Kritische Betrachtung und Medienecho: „Das dünne Eis der Fakten “; von Christoph Bächtle; in Newsletter 4/2005 der Forschungsgemeinschaft Funk e.V.

Kongress Wissenswerte 2008: Programm

 
 
 
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